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«Würde mich der Herrgott gesund zaubern, ...»

Das Bild zeigt Fahrgast Gian Reto Baur beim Radiomachen
(Bild: Fahrgast Gian Reto Baur)

«Hoi zemä, vil Spass mit üsem Happy Radio. ‹...› Jetzt chunt es Stück vom Rag’n’Bone Man. Äs goht um en Ma, wo immer alles schlecht gmacht hät und wött alles guet wider mache, oder. ‹...› Wenn das uf Dütsch wär, denn wür me das vil besser verstoh, aber s’isch uf Englisch, oder», so war die Stimme von Gian Reto Baur am 13. Juli 2017 auf Radio LoRa zu hören.

Ein Jahr lang arbeiteten die Radioprofis von klipp+klang mit ihren acht erwachsenen Schülern an zwei Sendungen. Den Kurs führte der Bildungsklub von Pro Infirmis durch. Beitragsthemen, Interviewpartner und die Musik wählten die Teilnehmer selber aus. Das Resultat lässt sich hören: Routiniert stellen die Radioneulinge ihre Lieblingsmusik vor, führen Gespräche mit Gästen und nehmen die Hörer mit auf die akustische Fahrt durch eine Geisterbahn.

Man spürt sie, die grosse Begeisterung der acht Moderatoren. Jeder und jede von ihnen lebt mit Beeinträchtigungen, die sie im Alltag einschränken. «Happy Radio» verleiht ihnen eine Stimme hinaus in die Gesellschaft. Sie überwinden eigene Grenzen und erfahren, dass die Radiosendung nur dann gelingt, wenn sie als Team arbeiten. Sie müssen sich einigen, einander zuhören und Worte für ihre Anliegen finden.

Auch im Winterhalbjahr fährt Gian Reto Baur mit TIXI zu seinem geliebten Radiokurs. Er wohnt in einer Aussenwohngruppe des Werkheims Uster und arbeitet Vollzeit in der werkeigenen Produktion Turicum.

Mit einem leicht schlurfenden Gang, aber dennoch flink, führt Gian Reto Baur mich, die Besucherin von TIXI Zürich, aus dem Fernsehraum in sein privates Zimmer. Fröhliches Geplauder seiner WG-Kolleginnen und -Kollegen begleitet uns. Sie sitzen beim Abendessen. Auf die Frage, ob er denn jetzt meinetwegen den Znacht verpasse, winkt er ab. Er habe Zeit für unser Gespräch, anschliessend helfe ihm jemand beim Duschen, erst dann sei das Essen an der Reihe. Die Worte sprudeln aus ihm heraus. Frohgelaunt und euphorisch erzählt er mir von seinem grossen Hobby, dem Radiomachen.

Es ist einer seiner drei Traumjobs, neben Lokiführer und Heizungsmonteur. «Würde mich der Herrgott gesund zaubern, würde ich Radiomoderator lernen», erklärt er ganz sachlich. Der 44-jährige Gian Reto Baur lebt seit der Geburt mit einer kognitiven Beeinträchtigung.

Jeweils am Mittwochabend steht der Radiokurs auf dem Programm. Gian Reto Baur erzählt, bevor er nach der Arbeit starte, müsse er auf die Toilette. Dann hänge er sich seine schwarze Tasche um, hole ein Sandwich und gehe um 17.15 Uhr nach draussen. Dort warte er auf sein TIXI Auto. Während dieser Tageszeit ist immer viel los auf den Strassen. Wo genau es staut und ob daran ein Unfall schuld ist, weiss Gian Reto Baur meist ganz genau. Die Verkehrsinformationen
am Radio sind seine Lieblingssendung.

Radio hört er jeden Tag. Am liebsten mag er SWR3 und Radio 24. SWR3, weil er Hochdeutsch besser versteht als Schweizer Mundart. Radio 24, weil ihm das Signet so gut gefällt. Laufen die Verkehrsinformationen, sitzt er konzentriert vor dem Radio und prägt sich jedes Detail ein. Abends im Bett spricht er die Verkehrsnachrichten laut nach. Das ist sein Training. Beim Moderieren sei es wichtig, ohne zu stottern deutlich und fliessend zu sprechen.

Gian Reto Baur erklärt, wie es in einem Radiostudio zugeht: «Die letzten Nachrichten werden um 24 Uhr gesprochen. Danach schaltet der Moderator den Computer ein. Die Musik läuft jetzt automatisch.» Wenn Moderator Philipp Gerber morgens arbeite, müsse er um zwei Uhr aufstehen, um sich auf die Sendung um fünf Uhr vorzubereiten. «Das ist wie bei der Kantonspolizei, die müssen auch früh raus», begründet er.

Nach unserem Gespräch verabschiedet sich fast die ganze Wohngemeinschaft äusserst freundlich und gut gelaunt von mir. Ich trete hinaus in den kalten Abend. An diesem Dienstag ist viel los auf den Strassen. Die Fahrzeuge quälen sich im Schritttempo am Wohnheim vorbei. Uster und natürlich auch die Stadt Zürich sind sichere Werte, wenn Gian Reto Baur seine Stimme übt. Ich sehe ihn jetzt vor mir, wie er auf seinem Bett sitzt, das Ohr am Radio. Er lauscht, prägt sich ein und spricht nach, bis er dann schliesslich mit einem letzten Gedanken an die aktuelle Staumeldung einschläft.

(Das Gespräch mit Gian Reto Baur führte Christine Müller, TIXI Zürich.)

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